Kreativwerkstatt

Der erste Kreativworkshop fand im Oktober 2009 in Magdeburg statt, seither wird er jährlich durchgeführt.

Begleitet wird er von Christian Roskothen-Swierzy, Dipl.-Kunsttherapeut (Ottersberg), Herbert Neumann, Jugendmigrationsdienst (Rotenburg (Wümme)) und Karin Tischer, Theaterpädagogin (Bremen).

 

 

kwstxt04

" Wir haben alle verschiedene Sachen gemacht, die aber irgendwo immer dasselbe ausdrücken – das Streben nach Frieden, Glück und Liebe. Dies sind alles Dinge, nach denen Deutsche auch streben. Wir möchten also die gleichen Dinge, werden aber nicht als gleiche Menschen angesehen.“ (Li) Wesentlich ist uns, beim Jetzt, in der Gegenwart der jungen Leute zu beginnen und dann einzuladen, einen Aufbruch zu wagen für eine fast spielerische Annäherung an Zukunft – auf eine Entwicklung, deren Ergebnis noch offen ist. Auf dem Weg gibt es einiges Neues zu lernen und immer wieder gilt es, Widerstände zu überwinden. Dann sind auf einmal wahre Schätze zu entdecken (Herbert Neumann). Drei Ermutigungen sind uns als künstlerische Begleiter der jungen Leute wichtig: der eigenen Intuition und Kraft zu vertrauen, darauf zu vertrauen, dass Hilfen zu finden sind und darauf zu vertrauen, dass es immer Lösungen gibt. kwstxt03Dazu laden wir ein z.B. zu Veränderungen des Standpunktes der Betrachtung, zu Gesprächen, wie eine Geschichte weitergehen könnte, zu Erweiterungen, wenn Grenzen erreicht werden (Christian Roskothen-Swierzy).Das großformatige Malen will als Ergebnis kein „schönes“ Bild, sondern lässt den ganzen Menschen malen, in Lebensgröße mit all seinem Reichtum. Das Plastizieren mit Ton als zweiter Schritt fordert dann den Willen gegen die Widerstände, um „in Form zu kommen“. Ein großes Kompliment war: „Ihr seid irgendwie komisch! Ihr interessiert euch ja wirklich für uns, das ist anders als sonst so.“ (Li)

 

 

kwstxt01Susi Möbbeck - Integrationsbeauftragte der Landesregierung Sachsen-Anhalt

 

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

wer nicht selber Flucht und Migration erlebt hat, kann sich unmöglich wirklich vorstellen, was Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen und alles hinter sich lassen mussten, auf ihrer teils sehr langen Reise zu uns nach Deutschland durchgemacht haben. Doch die Flucht ist mit der Ankunft in Deutschland nicht abgeschlossen: Das Zurechtfinden im neuen Land, die kulturelle und soziale Entfremdung und die Unsicherheit über den rechtlichen Status und die eigenen Zukunftsperspektiven sind große Herausforderungen. Umso mehr, wenn die Flüchtlinge Kinder und Jugendliche sind, die ohne Eltern und Angehörige nach Deutschland gekommen sind und zunächst Niemanden haben, auf den sie sich voll Vertrauen verlassen können. Deshalb ist die Arbeit von refugium e.V. so wichtig: Der Verein übernimmt Vormundschaften für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und begleitet und unterstützt die Kinder und Jugendlichen auf ihrem Lebensweg. Dabei stehen oft aufenthaltsrechtliche Fragen, Behördengänge und Alltagssorgen im Vordergrund. Fluchterfahrungen und Zukunftsängste brauchen aber auch Verarbeitung und Auseinandersetzung. Deshalb freue ich mich, dass refugium e.V. den Kindern und Jugendlichen mit einem Kreativworkshop auch die Möglichkeit geben konnte, sich und ihre Flucht- und Alltagssituationen kreativ auszudrücken und zu verarbeiten. Herausgekommen sind interessante Plastiken und großformatige Bilder, die sich mit verschiedenen Themen befassen: Was heißt es, in Deutschland „anzukommen“? Wie sieht wohl mein beruflicher Werdegang aus? Was bedeutet kulturelle Identität für mich? Für mich zeigen die Bilder und Plastiken, aber auch die Texte der jungen Leute die Kreativität, Energie und das Durchhaltevermögen, das die jungen Leute mit bringen. Wir sollten sie willkommen heißen und ihre Potentiale zur Entfaltung kommen lassen.

 

 

kwstxt05

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge – eine spezielle Gruppe Schutzbedürftiger

Das diese besonders schutzbedürftige Kindergruppe eines speziellen Focus bedarf, zeigt auch die Tatsache, dass der UN-Kinderrechtsausschuss sich sehr detailliert in seinem General Comment No.6 (2005) „Behandlung unbegleiteter Kinder außerhalb ihres Herkunftslandes“ mit der Situation und den notwendigen Maßnahmen zum Wohl dieser Kinder auseinandergesetzt hat. In den General Comments werden von den Vertragsausschüssen besonders wichtige Hinweise von allgemeiner Bedeutung veröffentlicht. Sie sind zwar nicht völkerrechtlich verbindlich, aber sie formulieren den jeweils aktuellen Stand der Interpretation der Menschenrechtsnormen durch die zuständigen Vertragsausschüsse der Vereinten Nationen und haben damit eine politisch-rechtliche Bedeutung. Hervorzuheben sind die Ausführungen im Kapitel VI „Zugang zum Asylverfahren, zu legalen Sicherheitsmaßnahmen und Rechte auf Asyl“. Es wird dort betont, dass einem unbegleiteten minderjährigen Flüchtling, egal mit welcher Altersangabe, jeglicher internationaler Schutz in einem Asylverfahren undanderen komplementären Verfahren gewährleistet werden soll. Auch bei unbegleiteten Kindern, wo die Identität nicht geklärt werden kann, sollen entsprechende Schutzmechanismen zum Wohle des Kindes getroffen werden. Trotz der zu begrüßenden Vorbehaltsrücknahme der Bundesrepublik Deutschland zum Art. 22 (Flüchtlingskinder) der Kinderrechtskonvention im September 2010 befinden sich nach wie vor unbegleitete Flüchtlingskinder in einem Spannungsfeld zwischen Aufenthaltsrecht und Kinder- und Jugendrecht. Durch die rechtlich definierte Asylverfahrensfähigkeit ab 16 Jahre im Aufenthaltsgesetz und den daraus resultierenden Altersfestsetzungsverfahren durch die Jugendämter, wird diesen Kindern kein uneingeschränktes Kindeswohl gewährleistet. Oftmals werden sie bewusst älter gemacht und ins Asylverfahren gedrängt, um keine Kinder- und Jugendhilfe gewähren zu müssen. Fluchtschicksale werden nicht als politische Verfolgung im Sinne des deutschen Asylrechts anerkannt, die Ablehnungsrate im Asylverfahren ist sehr hoch und sie erfahren grundsätzlich eine Schlechterstellung gegenüber deutschen Kindern (u.a. beim Schulbesuch, der Berufsausbildung, der Gesundheitsversorgung, der Unterbringung). Es wird kaum eine politische und rechtliche und somit soziale Verän derung in diesem Problemfeld geben, wenn nicht in den Bundesländern und auf Bundesebene konsequent die Legislative und Exekutive mit der tatsächlichen Situation und mit den rechtlichen Folgen für diese Kinder konfrontiert werden. Trotz Rücknahme des Vorbehalts bleiben die alten Problemfelder, so u. a. die Praxis der Altersfestsetzung. Der Unterschied ist nur schon heute, dass die Schätzungen noch häufiger auf über 18 Jahre gehen. Bisher sieht das Bundesministerium des Inneren keine Veranlassung, bisherige rechtliche Regelungen zur Handlungsfähigkeit Minderjähriger, zur Zurückweisung, Ausweisung und Zurückschiebung an Grenzen sowie zum Flughafenverfahren zu ändern. Selbst eine gesetzlich definierte Gewährung eines Rechtsbeistands wird als nicht notwendig erachtet. Das Recht auf Nichtdiskriminierung findet kaum Beachtung. Wir brauchen in diesem Bereich keine Besserstellungsdebatte, wir brauchen eine Antidiskriminierungsdebatte. Bei einer unterschiedlichen Definitions-, Verständnis- und Erwartungsbasis zu Kinderrechten und deren Umsetzung entstehen normative Handlungsrahmen, die konsequent zu hinterfragen sind. Um jedoch eine fachlich fundierte Debatte führen zu können, wäre es notwendig, dass endlich auf nationaler und regionaler Ebene Monitoringverfahren zur Begleitung der Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention initiiert und implementiert werden eine langjährige Forderung des UN-Kinderrechtsausschusses an die Bundesrepublik Deutschland!