Festakt

Laudatio von Bischof Dr. Gerhard Feige zu 20 Jahre refugium e.V. am 20.09.2017

 

Sehr geehrte Frau Ministerin Grimm-Benne, Frau Staatssekretärin Möbbeck,
Frau Landesbischöfin, liebe Schwester Junkermann,
verehrte Landtagsabgeordnete aus den verschiedenen Fraktionen,
sehr geehrter Herr Domkapitular Dr. Thorak,
liebe Frau Schwenke,
sehr geehrte Mitglieder und Mitarbeiter des Vereins refugium e.V,
liebe Gäste, und vor allem auch: liebe Jugendliche,

 

Ende des Jahres 2016 waren 65 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Jeder 113. Mensch auf der Erde, so habe ich gelesen, ist derzeit Flüchtling, sucht Asyl oder ist binnenvertrieben. Rund 23 Millionen Menschen sind vor kriegerischen Konflikten, schweren Menschenrechtsverletzungen oder Verfolgung aus ihrer Heimat in andere Länder geflohen. Die Hälfte davon sind Kinder unter 18 Jahren. Die meisten von ihnen flüchten gemeinsam mit ihren Eltern. Doch das gelingt nicht immer. Familien werden getrennt, oder Eltern verfügen nicht über genügend Mittel für eine gemeinsame Flucht. Darüber hinaus gibt es für Kinder und Jugendliche auch spezifische Fluchtgründe: Sie fliehen z.B. vor der Rekrutierung als Kindersoldaten, vor Zwangsprostitution oder Zwangsverheiratung; sie fliehen, weil sie gefoltert werden oder befürchten müssen, in Sippenhaft genommen zu werden; sie fliehen, weil sie auf der Suche nach ihren Familienangehörigen sind oder weil sie da, wo sie herkommen, keine Perspektive für sich sehen. Vielfach werden sie auch vorausgeschickt, um eines Tages ihre Familien nachzuholen oder diese aus der Ferne wenigstens finanziell zu unterstützen. In den meisten Fällen sind sie von Schleusern und Menschenhändlern abhängig und monatelang oder gar jahrelang auf der Flucht, oft unter dramatischen Umständen – und all das müssen sie ohne ihre Angehörigen durchstehen. „Man kann sich" – so sagte einmal ein Jugendlicher, der von refugium aufgenommen worden war – „nicht vorstellen, wie das ist, ohne Eltern zu sein. Ohne Eltern zu sein, das verletzt das Herz." Ja, minderjährige unbegleitete Flüchtlinge sind die verletzlichsten Opfer der weltweiten Fluchtbewegungen.

 

Ihnen einen Zufluchtsort – ein refugium – zu schaffen, war von Anfang an die Motivation des Vereins refugium. Seit nunmehr zwanzig Jahren begleitet er die oft traumatisierten Kinder und Jugendlichen. Als korporatives Mitglied beim Caritasverband für das Bistum Magdeburg und als Träger der freien Jugendhilfe im Land Sachsen-Anhalt führt der Verein vor allem Vormundschaften für die Kinder und Jugendlichen. Er vertritt ihre Interessen in allen Bereichen und regelt die ausländerrechtlichen Angelegenheiten im Spannungsfeld zwischen Kinder-, Jugend- und Aufenthaltsrecht. Bis Ende August dieses Jahres waren dies insgesamt 393 Vormundschaften für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus 49 verschiedenen Herkunftsländern. Das heißt, der Verein stellte sich auf fast vierhundert Kinder und Jugendliche ein, die die unterschiedlichsten kulturellen, ethnischen, religiösen und biografischen Prägungen mitbringen. Ihnen galt und gilt es, als individuellen Persönlichkeiten gerecht zu werden und eine auf sie zugeschnittene Lebensperspektive zu eröffnen, und das immer – wie Sie, liebe Frau Schwenke, vor kurzem einmal sagten – in einem „oft sehr engen aufenthaltsrechtlichen Korsett".

 

Deshalb gehört es auch zu den Aufgaben des Vereins, an der Gestaltung politischer Rahmenbedingungen mitzuwirken. Derzeit sind es vor allem zwei Themenbereiche, die im Vordergrund stehen: zum einen die oft fehlende rechtliche Möglichkeit, dass die Jugendlichen ihre eigene Familie nach Deutschland holen können. Hier gibt es einen dringenden Handlungsbedarf, um gemeinsam humanitäre Lösungen zu finden. Zum anderen zeigt sich, dass der Übergang von der Minderjährigkeit ins Erwachsenenleben ein großes Problem ist, das besserer Übergangssysteme bedarf. In diesem ganzen Spektrum von Kinder-, Jugend- und Aufenthaltsrecht kann refugium seine zwanzigjährige Erfahrung einbringen und so ein gefragter Partner all derer sein, die sich ebenfalls in diesen Bereichen engagieren. In den letzten 20 Jahren hat sich dadurch eine verlässliche Zusammenarbeit mit Jugendämtern, Ausländerbehörden, Schulen und verschiedenen Akteuren aus dem Bereich des Gesundheitswesens ergeben.

 

Durch die verstärkte Flüchtlingszuwanderung in den letzten beiden Jahren wurde es erforderlich, den Dienst personell und fachlich zu erweitern. Im Zusammenwirken mit dem Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration konnten dafür sowohl eine neue Regionalstelle in Halle geschaffen als auch der Standort Magdeburg personell verstärkt werden. Dankenswerterweise wird refugium e.V. ja durch das Land Sachsen-Anhalt und nicht zuletzt auch durch Spenden finanziert. Fachlich hat sich der Verein seit 2016 einer weiteren Aufgabe gestellt: der Qualifizierung und Beratung von ehrenamtlichen Vormündern und gegebenenfalls auch von Amtsvormündern. In der Zusammenarbeit mit dem Jugendamt Magdeburg, der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und dem Roncalli-Haus konnten bisher ca. 160 Bürgerinnen und Bürger erreicht werden, die eine ehrenamtliche Vormundschaft übernehmen wollten.

 

Hinter all diesen Fakten und Zahlen stehen konkrete Menschen: zum einen all diejenigen, die die Arbeit des Vereins tragen und unterstützen und sich Tag für Tag für das Wohl der ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen einsetzen, zum anderen natürlich vor allem die minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge selbst. „Sie sind" – wie Papst Franziskus in einem Tweet vom April 2016 einmal schrieb – „keine Zahlen, sie sind Gesichter, Namen, Geschichten – und als solche müssen sie behandelt werden."

Deshalb steht das Wort „Begegnung" für diejenigen, die im Verein refugium engagiert sind, im Mittelpunkt. Sie begegnen den einzelnen Kindern und Jugendlichen, indem sie ihnen zuhören, sich auf ihre Bedürfnisse einstellen und mit ihnen zusammen nach Wegen für ihre je eigene Zukunft suchen. Dazu gehören Schulbildung und Ausbildung, dazu gehört auch die Sorge für das physische und psychische Wohl der Mündel. Aufgrund der oft traumatischen Fluchterfahrungen ist in vielen Fällen eine therapeutische Behandlung notwendig, die sich bisher gar nicht immer so einfach realisieren lässt. Zur Begegnung gehört es aber auch, den Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen, sich kreativ auszudrücken und so ihre Erfahrungen zu verarbeiten. Ich erinnere mich an ein Projekt, das mich damals vor zehn Jahren sehr berührt hat: das Tanzprojekt „Kinder des Windes". Bezeichnend dafür sind auch die aussagestarken „Zukunftsbilder", die in einem Kreativworkshop entstanden und im vergangenen Jahr in Salzwedel ausgestellt worden sind.

 

Ganz besonders wichtig erscheint es mir über all das hinaus, dass es auch zu Begegnungen zwischen den Mündeln von refugium und Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aus unserem Land kommt. Wir müssen – so haben Sie, liebe Frau Schwenke, neulich gesagt – „Orte der Begegnung schaffen, wo sich Einheimische und Zugewanderte kennenlernen können und wo man sich auch über verschiedene kulturelle und religiöse Haltungen im Zusammenleben offen auseinandersetzen kann". Solche Orte der Begegnung sind gerade im Zugehen auf das Jubiläumsjahr von refugium geschaffen worden. Ich denke z.B. an die Veranstaltung „Verschiedeneinander", die im Kunstmuseum Magdeburg im Zusammenhang mit der Ausstellung „Seht, da ist DER MENSCH" stattfinden konnte, außerdem an das interkulturelle Modellprojekt „Das Haus", das letztes Jahr im Puppentheater seine Premiere hatte, oder an einen mehrwöchigen Workshop, in dem geflüchtete Kinder und Jugendliche zusammen mit Studierenden im Juli dieses Jahres aus dem Bereich Medienbildung Theaterstücke zum Thema „Heimat" entwickelt haben.

 

In unserer derzeitigen gesellschaftlichen Situation scheint mir eine solche gemeinsame Auseinandersetzung mit der Frage nach Heimat und Identität höchst aktuell zu sein. Die Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen, die nach wie vor beeindruckend ist, muss sich immer mehr mit einer Integrationskultur verbinden. Und „das ist leichter gesagt als getan" (Erzbischof Heße). Denn aufgrund der steigenden Zahl von Menschen, die in den letzten zwei Jahren zu uns geflüchtet sind, hat sich das Klima ihnen gegenüber offenkundig verschlechtert. In großen Teilen der Gesellschaft nehme ich manche Verunsicherungen wahr, von Ängsten und Vorbehalten über Verschwörungstheorien und Abgrenzungstendenzen bis hin zu Wut und Hass. „Ich bin ja tolerant" – habe ich erst kürzlich eine ältere Frau lautstark tönen hören – „aber nicht gegenüber Migranten!" Und in immer neuen Variationen kann man Sätze hören wie: „Ich habe nichts gegen Ausländer – aber sie sollen sich an unsere Verhältnisse anpassen!"

 

Doch woran genau sollen sie sich anpassen? An christliche Traditionen oder konfessions- und religionslose Gepflogenheiten? An Bratwürste und Steaks oder vegetarische und vegane Alternativen? An bayrische Folklore oder nordostdeutsche FFK-Strände? An hehre Ideale von gestern oder aktuelle Verhaltensweisen jeder Art? An reaktionäre oder modernistische Bestrebungen? An die Beachtung von Menschenwürde, Freiheit und Solidarität oder die zunehmende Respektlosigkeit und den sich verbreitenden Gebrauch von Hetze und Provokation? An die Übernahme von Verantwortung für den Schutz des Lebens in allen Phasen oder dessen weitere Liberalisierung? Was hält denn unsere Gesellschaft eigentlich noch zusammen und kann als gemeinsame Identität angesehen werden? Driften wir nicht in vielem immer mehr auseinander? Und manchen Fragebogen, den man Migranten vorlegt, die sich bei uns einbürgern wollen, könnten vermutlich auch nicht alle Einheimischen beantworten.

 

Ohne Zweifel ist die Anerkennung des Grundgesetzes eine unabdingbare Basis für alle, die in Deutschland leben wollen. Aber was hat es dann z.B. mit der sogenannten christlich-abendländischen Kultur auf sich, die derzeit beschworen wird und die man angesichts der vielen Zuwanderer bewahren müsse? Wer sich auf das Christentum als Grundlage unserer Identität bezieht, müsste dabei allerdings auch konsequent bleiben. Christliche Identität ist nämlich niemals selbstbezogen. Sie erweist sich viel mehr gerade darin, dass sie auf Menschen aller Kulturen und Nationen ausgerichtet ist. Ja, noch mehr, bereits im Judentum hatte sich so etwas wie eine kopernikanische Wende gegenüber Fremden vollzogen, wenn es heißt, „dass man den Fremden nicht nur nicht unterdrücken darf ..., sondern dass man ihn ‚lieben soll wie sich selbst'. Dies ist eine unübersehbare Wende in der Kulturgeschichte und ist ein wesentlicher Grund, warum alle Anhänger der biblischen Religion, zumal das Christentum, vor einem unaufgebbaren ethisch-religiösen Erbe stehen, das man ohne Selbstzerstörung nicht preisgeben darf" (Kardinal Lehmann).


Integration kann deshalb weder Assimilation bedeuten noch die Entwicklung einer Parallelgesellschaft. Integration ist keine Einbahnstraße, sondern betrifft beide Seiten: die Migranten und die einheimische Bevölkerung. So schreibt Fulbert Steffensky: „Man weiß nur, wer man ist, wenn man sich dem Schmerz der Fremdheit aussetzt. Man lernt den eigenen Reichtum erst kennen, wo man sich mit fremden Lebensentwürfen und fremder Religion auseinandersetzen muss. Und man lernt den eigenen Mangel erst kennen, wenn man auf den Reichtum der Fremden stößt." Der Deutsche Caritasverband hat seine Jahreskampagne
2017 mit dem Leitsatz „Zusammen sind wir Heimat" überschrieben. Angesichts der hochgradig emotionalisierten aktuellen Debatten ist dies nicht nur mutig, sondern auch höchst notwendig. Heimat ist etwas, das alle Menschen betrifft, unabhängig von Herkunft, Kultur und Religion. „Doch Heimat" – so formuliert es Georg Cremer, der Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes – „ist nichts, was einem selbst und der eigenen Gruppe selbst gehört. Heimat ist Begegnung. Ohne Begegnung, Vertrauen und Freundschaft ist jeder Ort auf der Erde unwirtlich, auch für diejenigen, die immer schon dort waren. Heimat schaffen wir gemeinsam."

 

Dafür steht seit zwanzig Jahren der Verein refugium. Zusammen mit zahlreichen Akteuren aus Politik und Gesellschaft bietet er jungen Menschen, die ihre ursprüngliche Heimat verloren haben, in Begegnung, Vertrauen und Freundschaft einen Zufluchtsort, von dem aus sie eine neue Heimat finden können. So freue ich mich, dass Sie alle, die Sie sich seit zwanzig Jahren gegen alle Widerstände für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge einsetzen, heute in dieser Feier geehrt und bestätigt werden! Vor allem aber möchte ich Ihnen heute von Herzen danken.

  • Mein besonderer Dank gilt der Vereinsvorsitzenden Frau Monika Schwenke und dem Stellvertretenden Vereinsvorsitzenden, Herrn Duc.
  • Herzlich danke ich Herrn Bartnig, der seit Anbeginn an hauptamtlich angestellt ist und die Vormundschaften führt; ferner Frau Schüler, Frau Markert, Frau Bolte, Frau Dix und Frau Breitenbach.
  • Ich danke all denen, die sich in den Clearingstellen und für die verschiedenen anderen Unterbringungsmöglichkeitenengagieren: der Caritasträgergesellschaft St. Mauritius und der Regionalstelle des Caritasverbandes in Halle.
  • Ich danke dem Caritasverband für das Bistum Magdeburg, der die Arbeit auf vielfältige Weise trägt und unterstützt, sowie den verschiedenen Akteuren aus Politik, Gesellschaft und Kirche für das konstruktive Miteinander im Einsatz für die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge.
  • Und schließlich danke ich vor allem auch denen, die die Arbeit von refugium e.V. ehrenamtlich mit tragen und fördern. Ohne Sie wäre diese Arbeit kaum möglich. Sie stellen Ihre jeweiligen Kompetenzen zur Verfügung und tragen so dazu bei, dass die jungen Menschen Mut und Vertrauen wieder finden können. Sie sorgen so dafür, dass ein Klima der Wertschätzung und des Respekts in der Gesellschaft entstehen kann.

Ihrer aller Arbeit und Ihr Engagement erfordern Mut, Fingerspitzengefühl und sicher immer wieder eine „leidenschaftliche Gelassenheit" angesichts der oft harten gesellschaftlichen und politischen Fakten und Tendenzen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie die Begegnungen, die Sie im Umgang mit den Kindern und Jugendlichen erfahren, immer wieder auch als Geschenk und als menschliche Bereicherung erleben.

 

Schließen möchte ich – wie bereits damals bei Ihrem 10-jährigen Jubiläum – mit den Schlusszeilen eines Gedichts von Hilde Domin, in dem für mich nach wie vor ein bleibender Auftrag und zugleich eine tiefe Ermutigung zum Ausdruck kommt:

Und jenseits des Horizonts,
wo die großen Vögel am Ende ihres Flugs
die Schwingen in der Sonne trocknen,
liegt ein Erdteil, wo sie mich aufnehmen müssen -
ohne Pass,
auf Wolkenbürgerschaft.

 

 


Rede von Frau Ministerin Petra Grimm-Benne, Ministerin für Arbeit, Soziales und Integration und stellvertretende Ministerpräsidentin des Landes Sachsen-Anhalt zu 20 Jahre refugium e.V. am 20.09.2017

 

Sehr geehrte Frau Schwenke (Vorsitzende Refugium e.V.),

sehr geehrte Frau Landesbischöfin Junkermann,

sehr geehrter Herr Bischof Dr. Feige,

sehr geehrte Damen und Herren,

 

als Schirmherrin des Vormundschaftsvereins von Refugium e.V. ist es mir eine besondere Ehre, zum heutigen Festakt zu Ihnen sprechen zu können.

 

Heute ist ein ganz besonderer Tag – Es ist Weltkindertag. Der Weltkindertag wird in 145 Staaten auf der Welt begangen, um auf die besonderen Bedürfnisse der Kinder und speziell auf die Kinderrechte aufmerksam zu machen. Insbesondere die UN-Kinderrechtskonvention spielt hier eine ganz zentrale Rolle. Artikel 8 der Konvention besagt:

(1) Die Vertragsstaaten verpflichten sich, das Recht des Kindes zu achten, seine Identität, einschließlich seiner Staatsangehörigkeit, seines Namens und seiner gesetzlich anerkannten Familienbeziehungen, ohne rechtswidrige Eingriffe zu behalten.

(2) Werden einem Kind widerrechtlich einige oder alle Bestandteile seiner Identität genommen, so gewähren die Vertragsstaaten ihm angemessenen Beistand und Schutz mit dem Ziel, seine Identität so schnell wie möglich wiederherzustellen.

 

Vor diesem Hintergrund können wir nun am heutigen Weltkindertag ein bedeutendes Jubiläum begehen. Es geht um das 20-jährige Jubiläum des Vereins Refugium, der seit seinem Bestehen in Sachsen-Anhalt ohne Zweifel maßgeblich zur Umsetzung von Artikel 8 der Kinderrechtskonvention beiträgt. Für mich gewiss ein Jubiläum, das zum Nachdenken und Zurückblicken einlädt.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

Gustav Heinemann, der 3. Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, sagte einst: "Man erkennt den Wert einer Gesellschaft daran, wie sie mit den Schwächsten ihrer Glieder verfährt."

 

Der Vormundschaftsverein Refugium übernimmt schon seit 20 Jahren einen Teil dieser großen Verantwortung und trägt unerlässlich zum Wert unserer Gesellschaft bei. Er vertritt die Interessen von Kindern und Jugendlichen, die ohne Begleitung erwachsener Familienangehöriger nach Deutschland kommen. Und das aus den verschiedensten Ländern der Welt, die zum Teil tausende von Kilometern und durch Meere getrennt entfernt liegen. Die Kinder und Jugendlichen sind gekommen, weil sie in der Heimat um ihr Leben kämpfen mussten und weil sie keine Lebensperspektive für sich erkennen konnten.

 

Nach den jüngsten Zahlen des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen waren Ende 2016 insgesamt 65,6 Millionen Menschen von Flucht und Vertreibung betroffen – nochmals 300.000 Menschen mehr als im Jahr zuvor und die Hälfte davon sind Kinder – die schwächsten und verletzlichsten. Unter Ihnen gibt es eine kleine, aber sehr schutzbedürftige Gruppe. Es sind eben jene Kinder und Jugendliche, die sich alleine auf den Weg machen, aus Afghanistan, aus Eritrea, aus Syrien. Für mich ist das, offen gestanden, schwer zu ertragen. Sie machen sich alleine auf diesen gefährlichen und schwierigen Weg und suchen hier Schutz und Zuflucht.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

in Deutschland leben 57000 minderjährige Flüchtlinge, knapp 1300 davon in Sachsen-Anhalt. Refugium nimmt sich dieser jungen Menschen mit voller Kraft und Nächstenliebe an. Dabei unterstützt er seine Mündel nicht nur durch Fürsorge in allen Lebensbereichen, regelt rechtliche Angelegenheiten und informiert die Öffentlichkeit über die Thematik. Nein, der Verein ist gleichsam das Sprachrohr und eine Art Ersatzfamilie für seine Schützlinge.

Und er ist auch ein wichtiger Ruhepol in einer oft stürmisch geführten Debatte.

Es ist zunehmend zu spüren, dass sich einzelne gesellschaftliche Gruppen sogar in extremistische Richtungen bewegen. So haben erst am vergangenen Samstag, drei bisher unbekannte Täter in Köthen versucht, eine Einrichtung in Brand zu setzen, in der unbegleitete minderjährige Flüchtlinge leben. Auch wenn glücklicherweise niemand zu Schaden gekommen ist und die Hintergründe noch nicht aufgeklärt sind, stimmen mich solche Ereignisse zutiefst nachdenklich. Es wirft in solchen Momenten die Frage auf, wie aus schwachen, ängstlichen und ausgelieferten Kindern, die nach ihrem beschwerlichen Weg auch noch im sicheren Deutschland Gewalt erfahren müssen, gütige, liebende und allzeit hoffende Menschen werden können. Genau das macht Ihre Arbeit und Ihr Engagement umso wichtiger. Gerne habe ich deshalb auch im vergangenen Jahr die Schirmherrschaft für Refugium übernommen. Es geht uns alle an, Ihr Wirken wertzuschätzen und zu unterstützen.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

Refugium hat seit seinem Bestehen fast 400 junge Menschen betreut, die ihr zu Hause verlassen mussten. Das sind fast 400 Kinder und Jugendliche, denen Sie den Weg in eine hoffentlich friedvolle Zukunft geebnet haben. Dafür gilt Ihnen mein besonderer Dank. Auch von staatlicher Seite aus wird Ihr Engagement sehr geschätzt. So können Sie seit vielen Jahren auf die finanzielle Unterstützung des Landes bauen, die aus den freiwilligen Leistungen des Ministeriums für Arbeit, Soziales und Integration bereitgestellt werden. Von Seiten der Zivilgesellschaft ist es vor allem der Caritasverband für das Bistum Magdeburg, der Refugium maßgeblich unterstützt und als korporatives Mitglied aufgenommen hat.

 

Der Verein ist seit jeher durch Ihr Fachwissen und Ihre langjährige Erfahrung ein hochqualifiziertes und gut aufeinander abgestimmtes Netzwerk, das von allen Beteiligten als zuverlässiger Partner des Landes Sachsen-Anhalt gesehen wird. In die Bewertung und Bewältigung anstehender Fragen werden Sie aktiv und gerne einbezogen. Sie, liebe Frau Schwenke, haben einen großen Anteil daran. Seit dem Jahr 2000 leiten Sie Refugium als ehrenamtliche Vorsitzende. In der Zeit haben Sie viel erlebt, viele Schicksale kennengelernt und an den verschiedensten Amtsstuben angeklopft, um Ihren Schützlingen zu helfen. Im Jahr 2011 erhielten Sie dafür bereits die Ehrennadel unseres Bundeslandes. Dennoch möchte ich auch heute die Chance nutzen und Ihnen für Ihr immerwährendes Engagement von Herzen danken. Sie sind eine der Kümmerinnen und Kümmerer vor Ort, auf die wir in Sachsen-Anhalt so dringend angewiesen sind. Mein Dank gilt aber ebenfalls den vielen weiteren Ehrenamtlichen des Vereins Refugium, die sich Tag für Tag zum Wohle der jungen Geflüchteten engagieren.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

seit 2016 hat sich Refugium zudem die Qualifizierung und Beratung von ehrenamtlichen und amtlichen Vormündern zur Aufgabe gemacht. Zudem stellt die Prozessbegleitung in Form von kontinuierlichen Beratungsangeboten an beiden Standorten in Halle und MD eine weitere wichtige Angebotssäule - auch im Auftrag des Landes – dar. Leider zeigt uns die bisherige Entwicklung, dass noch viel zu tun ist. Ich wünsche mir deshalb für die Zukunft, dass mehr Menschen bereit sind, sich ehrenamtlich für jemanden einzusetzen, der oder die unsere Hilfe am dringendsten benötigt. Genau an dieser Stelle setzt jene Stellschraube an, die es uns ermöglicht, die Gesellschaft zusammenzuhalten, Integration zu befördern, das Miteinander und auch das Verständnis füreinander zu stärken.

 

In diesem Sinne glaube ich fest daran, dass der Verein Refugium weiterhin ein wichtiger Partner für Sachsen-Anhalt sein wird und auf unsere Unterstützung wird bauen können.

 

Vielen Dank für Ihre die Aufmerksamkeit.

 

(Es gilt das gesprochene Wort)


 

Galerie zum Festakt - 20 Jahre refugium e.V. im Roncalli-Haus